Samstag, 18. Februar 2017

Buchbesprechung:Anne Michaels - Wintergewölbe ( Berlin Verlag)

Buchbesprechung: Anne Michaels, Wintergewölbe
(Berlin Verlag)


Ich kannte die Autorin garnicht, hatte das Buch auf  einem Tisch mit Mängelexemplaren entdeckt.

Klappentext:
Jean durchstreift das verweiste Bett des begradigten St.Lorenz- Stroms und sammelte Pflanzen, letzte Zeugnisse einer Landschaft, die es so nicht mehr geben wird.
Avery ist Ingenieur und war maßgeblich an der Flussbegradigung beteiligt. Als beide sich begegnen, ist es Liebe auf den ersten Blick.
Dann erhält Avery den Auftrag, den gigantischen Abu-Simbel-Tempel zu versetzen. Jean begleitet ihn nach Ägypten. Sie wollen sich der ungeheurenAufgabe gemeinsam stellen, doch sie finden keine Sprache für ihr Unbehagen. Sie flüchten sich in die Beschwörung ihrer Nähe, ihrer Liebe. Nacht für Nacht erzählen sie einander die Geschichte ihrer Herkunft, ihrer Familien und kommen sich dabei abhanden, noch bevor sie selbst ein schwerer Verlust trifft, der alles verändert.

Meine Meinung: So wie Anne Michaels diese Liebesgeschichte erzählt habe ich selten eine gelesen. Sehr poetisch, mit schönen Wortbildern und schöner Sprache und leisen Zwischentönen.
Sie ist eine sensible Beobachterin der zwischenmenschlichen Beziehungen und auch Verstörungen.
Avery wird an den Nasser- Staudamm geschickt. Er soll die Götterstatuen des Abu-Simbel-Tempels vor dem Versinken retten, bevor er geflutet wird. Vorsichtig auseinander geschnitten sollen sie an höherer Stelle wieder zusammengesetzt werden. Eine nicht nur fachlich, sondern auch moralisch extrem heikle Aufgabe für den Ingenieur, denn mit dem Staudamm wird auch der Lebensraum einer ganzen Kultur, nämlich des nubischen Volkes zwangsweise zerstört. Beide spüren deutlich diesen Verlust. Das macht sie noch sensibler für ihre eigene Geschichte.Sie öffnen sich einander, erzählen sich gegenseitig ihr Leben, reden von Verlusten, Hoffnungen, Wünschen, Sehnsüchten. Der Autorin geht es dabei auch um die Grundsatzfrage, ob für den technischen Fortschritt die natürliche Umwelt geopfert werden darf.
Jean wir in dieser Zeit schwanger, doch sie verliert das Kind und fällt damit in eine tiefe Krise. Ihre Liebe wird auf eine harte Probe gestellt, denn es gelingt ihnen nicht über den schmerzlichen Verlust zu reden.
Zurück in Kanada trennen sie sich vorübergehend.

Im zweiten Teil des Buches lernt Jean einen anderen Mann kennen.
Einen Mann aus Polen, der den zweiten Weltkrieg zwar überlebt hat im Warschauer Ghetto, aber seine Mutter verloren hat und von seinem Stiefvater kurz nachdem sie sich endlich wieder gefunden haben verlassen wird. Auch hier wieder das langsame Annähern der beiden gebrochenen, einsamen Seelen sehr feinfühlig erzählt. Aber auch das Graurn dass der Junge in Warschau erlebt hat, das Hausen in Kellerlöchern, den Wiederaufbau, die brutalität der russischen Soldaten. Die Migration mit Freunden nach Kanada.Jean leidet unter der Trennung von Avery kann aber auch nicht auf ihn zugehen und umgekehrt. Lucjan ist ein zutiefst einsamer Mensch, trotz vieler Freunde.
Die einzige Verbindung zu Avery sind Telefonate in denen er aber nur von seinem Studium erzählt und die freundschaftliche,warme Beziehung zu seiner Mutter auf dem Land. Zu der Jean regelmäßig fährt um dort den Garten den sie aus den Samen der Pflanzen ihrer verstorbenen Mutter angelegt hat, zu hegen und zu pflegen. Sie braucht das Gefühl in der Erde zu arbeiten.

Im dritten Teil geschieht dann am 1.Todestag des todgeborenen Kindes  wieder eine Annäherung zwischen Avery und Jean.

Wintergewölbe ist der Roman einer großen Liebe, eigentlich über Liebe an sich.
Anne Michaels hat dafür eine bildmächtige, methaphernreiche Sprache gefunden, die einen staunen macht, weil sie mit jedem Wort, jedem Satz ganze Gefühlswelten erschließt.
Manche Sätze möchte man 2-3 mal lesen, einfach um sich die Worte und die Bilder einzuprägen.

Ein wunderbarer Roman.

Montag, 23. Januar 2017

Buchbesprechung: Fetsum Sebhat/ Claudia Roth: So geht Deutschland

Heute mal kein Roman als Buchbesprechung.

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Claudia Roth/ Fetsum Sebhat: So geht Deutschland
                                              Eine Anstiftung zum Mitmachen und Einmischen (Westend)

Ich war im Dezember auf der Buchvorstellung und war von dem Konzept sehr abgetan.
Also habe ich mir das Buch gekauft.

Klappentext:
 
 BITTE EINMISCHEN !!!
Der Wind scheint sich zu drehen in Deutschland: Ein Ende der Willkommenskultur und der Aufstieg des Rechtspopulismus bedrohen die Fortschritte, die in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten erreicht wurden. Und die Fundamentalablehnung unserer »Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung« kommt mittlerweile von rechts.
Jetzt ist Dagegenhalten angesagt. Claudia Roth, die grüne Feministin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, und der aus einer eritreischen Familie stammende Musiker Fetsum treten an zur Verteidigung ihres Deutschlands. Ihr klares Plädoyer lautet: Die Abschottung und der Rückmarsch in die 50er Jahre ist keine Option für ein modernes, tolerantes und weltoffenes Land in den Zeiten
der Globalisierung. Anschaulich und engagiert schildern sie, was dieses Land ausmacht, an dessen Veränderung sie mitgearbeitet und das sie schätzen gelernt haben.
Und sie appellieren an unseren Bürgersinn: NUR WER MITMACHT UND SICH EINMISCHT, KANN EINFLUSS DARAUF NEHMEN, WOHIN ES MIT DEUTSCHLAND GEHT.

Besprechung: 
Das Konzept hat mir gefallen. Es ist kein schwieriges politisches Buch, es ist eher ein Gespräch zwischen zwei Menschen die sich Gedanken machen.
So ist auch die Sprache, sodass jede/r es verstehen kann.

Hier mal die groben Überschriften:
Zur Entstehung des Buches
1. Der Weg nach Deutschland
2.Deutschland: Wer ghört dazu?
3.Die Würde des Menschen.....
4.Starker Staat, starkes Europa?
5.Wir sind nicht allein auf der Welt
6.Gegen den Rechtsruck: Ermutigen statt Entmutigen

Eingestreut sind in grau unterlegten Info-Kästen geschichtliche, gesetzliche oder institutionelle Informationen.
Und ich muss zugeben, auch ich habe da wieder einiges auffrischen können!!

Das Buch ist wie gesagt kein hochpolitisches schweres Buch, dass ja doch keiner in die Hand nehmen würde.
Es ist meiner Meinung nach ein Buch, dass man gut als Grundlage nehmen kann um entweder Argumente für Gespräche mit anderen zu sammeln und auch um seine eigenen Gedanken vielleicht ordnen zu können.
Ich finde aber vor allem dass es sich hervorragend eignet um Menschen überhaupt ins Gespräch zu bringen.
Fände es z.B. gut geeignet um es als Diskussionsgrundlage für Schulklassen zu nehmen. Das wäre sicher anregender als einfach nur alles auswendig zu lernen in PW!

Sonntag, 22. Januar 2017

Buchbesprechung: Claudia Winter. Glückssterne

Glueckssterne von Claudia Winter

Claudia Winter: Glückssterne  (Goldmann)

Von dieser Autorin hatte ich schonmal den Roman Aprikosenküsse besprochen und war nun sehr gespannt auf den neuen Roman. Uuups gerade nachgeprüft und gesehen, dass habe ich hier nie besprochen??!!
                                   Okay, wird demnächst nachgeholt!!! 😏

Klappentext:
Karriere, Heirat, Kinder. Die Anwältin Josefine weiß genau, was sie vom Leben erwartet. Doch kurz vor der Hochzeit brennt Josefines Cousine mit einem Straßenmusiker nach Schottland durch, den legendären Familienring im Gepäck, den die Braut bei der Trauung tragen sollte. Als ihre abergläubische Großmutter daraufhin der Ehe ihren Segen verweigert, bleibt Josefine keine Wahl: Wutentbrannt reist sie dem schwarzen Schaf der Familie hinterher und gerät in den verregneten Highlands von einem Schlamassel in das nächste. Nicht nur einmal muss der charismatische Konditor Aidan der Braut in spe aus der Patsche helfen – dabei ist dieser Charmeur der Letzte, vor dem sie sich eine Blöße geben möchte. Aber der Zauber Schottlands lässt niemanden unberührt, und schon bald passieren seltsame Dinge mit Josefine, die so gar nicht in ihren Lebensplan passen ...

Besprechung:
Nach einem Prolog in dem 2 offensichtlich sehr ungleiche Zwillingsmädchen ( Bri und Li) im Kleiderschrank der Mutter einen Blutsbruderschafts-Schwur ablegen, sich niemals zu verlassen, beginnt das 1. Kapitel des Romans gleich mit Ausrufezeichen.

 Er ist weg!"
Ich schloss die Augen. Das war unmöglich. Nein, das konnte … durfte nicht sein. "Was soll das heißen, er ist weg!", erwiderte ich beherrscht und hoffte, dass ich mir den panischen Unterton in der Stimme meiner Mutter nur eingebildet hatte."


 Die 30-jährige Josefine arbeitet erfolgreich als Anwältin und will in drei Wochen heiraten. Und zwar Justus, der ebenfalls in der Kanzlei arbeitet und der ein "Mann der mittleren Temperaturen" ist und um ihre Hand auf einem Post-it angehalten hat! Der immer exakt das tut was in der Kanzlei vorgeschrieben ist und sich noch als viel unangenehmer entpuppt als schon am Anfang des Buches.
Ihre Familie hält diese Heirat für keine gute Idee.
In Josefines Familie ist es Tradition, den Brautring, der im Besitz ihrer Mutter ist, bei der Hochzeit zu tragen.
Dieser Ring wird seit Generationen an die Töchter weitergegeben.
"Dieses alberne Stück Metal list ein Vermögen wert! Vor allem wird es mich meine Ehe kosten." 
"Aber Josefine, das ist doch nur ein dummer Aberglaube. Niemand in unserer Familie denkt heute noch, dass dieser Ring irgendein Unglück heraufbeschwören könnte."
Zitat S. 13


Nun aber war der Ring weg. Alles Suchen im Elternhaus verlief ergebnislos.
Wie sollten sie das der Großmutter Adele von Meeseburg beichten?
Ohne den Segen der Großmutter will Josefine nicht heiraten. Traditionen hatten im Hause eine hohen Stellenwert wie auch das Wort der Großmutter Gesetz war.

Bei einem Familientreffen stellt sich heraus, dass Josefines Cousine Charlotte mit einem Straßenmusiker nach Schottland durchgebrannt ist und anscheinend den Ring mitgenommen hat.
Also fliegt Josefine trotz ihrer Flugangst nach Schottland und begegnet im Flugzeug Aidan, den sie unmöglich findet.
In Edinburgh sitzen dann auch plötzlich ihre beiden Tanten Bri und Li am Kamin. Josefine kommt das alles sehr merkwürdig vor.Und immer wieder kreuzen sich die Wege mit Aidan.
Es gibt wunderbare Situationen mit ihren schrulligen Tanten, ich musste oft schmunzeln.
Es kommt zu einer Verkettung unerwarteter Überraschungen und aberwitziger Zufälle, die das Vierergespann letztlich auf der Suche nach dem verschwundenen Ring zusammenführen und uns auf eine wunderschöne Tour durch Schottland mitnehmen. Eine Tour voller Leckereien, Gastfreundschaft, landschaftlicher Sensationen und Familiendrama. Und am Ende der Reise muss Josie erkennen, dass sie zwar den Ring suchte, aber sich selbst wiederfand …

Am Ende des Buches finden sich einige Rezepte, die schon beim Lesen hungrig machen.
Die Handlung ist kurzweilig, was mit an dem Schauplatz Schottland liegt. Ein erläuterndes Nachwort rundet die Geschichte ab.

Ein wunderbares Lesevergnügen und die Rezepte werden dann demnächst mal ausprobiert!
Der Wunsch nach Schottland zu reisen ist mal wieder übermächtig.


Buchbesprechung: Nicole C.Vosseler, Jenseits des Nils

Endlich  wieder eine Buchbesprechung. Ich dachte schon ich komm garnicht mehr dazu.



Jenseits des Nils von Nicole C. Vosseler (2013, Taschenbuch) #3211

Nicole C. Vosseler: Jenseits des Nils (Bastei-Lübbe)

Klappentext: Wie weit würden Sie gehen für die Liebe Ihres Lebens?
 Es war der beste Sommer ihres Lebens, jener Sommer 1881. Ein Sommer der rauschenden Feste, der Freiheit, der ersten Liebe. Im Herbst aber ziehen Jeremy, Stephen, Leonard, Simon und Royston für Queen Victoria und ihr Empire in den Krieg. Für Grace und ihre Freundinnen beginnt eine Zeit des Wartens auf den Bruder, den Freund, den Liebsten. Doch nicht alle kehren unversehrt zurück. Und Grace, die sich nicht damit abfinden will, dass Jeremy im Kampf gefallen sein soll, macht sich auf, um ihn jenseits des Nils, in der Wüste des Sudans, zu suchen.

Besprechung:
Den Sommer 1881 in Surrey, England, erleben neun Freunde, fünf junge Männer und vier junge Mädchen, wie in einem Traum. Unbeschwert feiern sie Feste und lernen die erste Liebe kennen, bis die Männer in den Krieg ziehen müssen. Man verspricht sich zu schreiben und die Mädchen wollen geduldig warten. Aber der Krieg hat so seine Tücken und es verläuft nicht alles so wie sie es sich vorgestellt haben.Auf den ersten 200 Seiten lernt man die einzelnen Personen kennen und die Verhältnisse zueinander, und obwohl es sehr viele sind, sind sie einem rasch vertraut. Jede einzelne Person wird sehr detailliert beschrieben und vor allem die Umgebung wird ausführlich dargestellt und mit vielen Feinheiten ausgeschmückt.
Sie stammen fast alle aus gut situiertem Haus und die Männer besuchten die Militärakademie in Sandhurst. Danach werden sie alle derselben Einheit zugeteilt und in den Sudan geschickt, selbstbewusst und strotzend vor Stärke. Sie wurden zur Unterstützung angefordert, während des Mahdi-Aufstandes die Zivilisten aus Khartoum zu evakuieren. Nach einigen Gefechten landen sie direkt im Gemetzel von Abu Klea, wo es keinen Ausweg mehr gibt. Nach viereinhalb Jahren Krieg ist nichts mehr so, wie es vorher war.
Unter anderem wird Jeremy vermisst, die große Liebe von Grace. Sie kann es nicht glauben und reist in den Sudan, um nach ihm zu suchen. Und auch die restlichen Freunde müssen mit ihrem jeweiligen Schicksal fertig werden, was allen nicht leicht fällt. Im Grunde genommen hat sich jeder verändert und ist reifer geworden.
Und so wie das Buch begonnen hat, so endet es auch, nach vielen Schicksalsschlägen und Erlebnissen, 13 Jahre später, im Sommer 1894, in Surrey, England.

Dieser Roman ist eine sehr spannende und gelungene Mischung aus Historie, Abenteuer und Liebe. Wobei die Autorin immer die wahre Geschichte als Gerüst benutzt, in die sie ihre Romanhandlung einfügt. Die in diesem Roman enthaltene(n) Liebesgeschichte(n) sind unaufdringlich und stimmig in die Handlung eingebaut und gleiten nicht ins Kitschige ab. Was nicht heißt, dass Tränen flossen beim Lesen. Der Krieg im Sudan, das Leben in Surrey, die Sehnsucht nach den Söhnen und Verlobten ' all das spiegelt das Leben auf den Landsitzen der englischen Adligen zum Ende des 19. Jahrhunderts wider.

Ein tolles Cover, welches ich samt Titel sehr passend finde. Auch das informative Nachwort und die schönen Sprüche zu den jeweiligen Abschnitten haben mir sehr gefallen. Sehr hilfreich ist am Ende das Personenverzeichnis.

Hier noch zwei Zitate, die die schöne Schreibweise verdeutlichen.
Wie ein herber Likör, der unter eine Süßspeise gerührt wird, sickerte die Gewissheit um den Abschied in den Tag…..
…Menschen, deren Gesichter in allen Farbtönen zwischen dunklem Honig, Rostbraun und Zimtfarben bis hin zu Kakao und Ebenholzschwarz Zeugnis ablegten von der über Generationen immer neu angerührten Mischung aus arabischem und afrikanischem Blut……
..

Donnerstag, 4. August 2016

Buchbesprechung: Cristina Caboni: Die Honigtöchter (Blanvalet)

Endlich schaffe ich es diese Buchbesprechung zu schreiben.

Cristina Caboni: Die Honigtöchter

Ich wollte eine leichte Sommerlektüre lesen und das Cover sprach mich sehr an.
Ausserdem liebe ich Honig.


Klappentext
Kurz nach Sonnenaufgang verlässt Angelica Senes eine Landstrasse in Südfrankreich und folgt einem von Lavendelbüschen und Rosmarin gesäumten Weg. Sie sucht den Bienenstock auf, den man ihr anvertraut hat. Sie ist reisende Imkerin und sie liebt ihre Freiheit. Auch wenn sie dabei das türkisblaue Meer ihrer Heimat Sardinien vermisst. Erst als ihre Patentante stirbt und ihr ein Cottage hinterlässt, kehrt Angelica zuück. Doch dort muss sie sich dem stellen was sie einst zurückließ: ihrer Familie, den Geheimnissen der Insel- und Nicola, den Mann, an den sie schon als Kind ihr Herz verlor.

Meinung
Die Autorin beschreibt ihre Heimat Sardinien sehr schön und ich hatte das Bedürfniss dort unbedingt mal hinfahren zu wollen.

Man lernt sehr viel über Honig und Bienen, die Autorin züchtet selber Bienen und Rosen.
Jedem Kapitel ist die Beschreibung eines Honigs vorangestellt, teilweise mit Hinweisen was er bewirken kann, was mir als "Kräutertante" besonders gefiel und ich werde versuchen mir den einen oder anderen Honig zuzulegen.

Rosmarinhonig (Rosmarinus officinalis)
Mild-aromatisch und zart. Der Honig des Neubeginns und der Klarheit, er  verleiht Mut zur Veränderung und sein Geschmack erinnert an den Duft der Blüten,aus denen er gewonnen wird.
Dieser Honig ist fast weiß und von cremiger Konsistenz.

Mir gefiel außerdem besonders, dass viel über alte (matriarchale) Bräuche und deren Wiederbelebung berichtet wurde, auch wenn ich nicht weiß ob diese auf der Insel tatsächlich wiederbelebt wurden.

Die Geschichte von Angelica und ihrer verworrenen Familiengeschichte, ihre Liebesgeschichte ist nachvollziehbar, eine Geschichte vom "nicht-miteinander-reden" und den daraus resultierenden Missverständnissen. Die Geschichte einer jungen Frau die ankommen will, einen festen Anker haben will, auch wenn ihr das Anfangs nicht bewusst ist und sie das auch weit von sich weißt aus Angst.

Fazit
eine schöne Lektüre die unterhält, aber auch Wissen vermittelt und Lust auf eine Reise nach Sardinien macht.

Ich werde auf jedenfall auch das erste Buch der Autorin noch lesen.

Samstag, 18. Juni 2016

Eveline Hasler: Anna Göldin/ Letzte Hexe (dtv)

Das Leben der Dienstmagd Anna Göldin und ihre soziale Stellung waren chrakteristisch für jene Zeit. Sie stammte aus ärmlicher Herkunft, ihr Vater starb früh. Eine Schule hatte sie nur sporadisch besucht, konnte zwar notdürftig lesen, aber nicht schreiben. Im Alter von 14 Jahren kam sie als Magd auf einen armseligen Bauernhof. In den folgenden Jahren blieb sie unverheiratet, in ständiger Abhängigkeit vom jeweiligen Dienstherrn. 1780 trat die mittlerweile über Vierzigjährige ihre letzte Stelle bei einer angesehenen Arztfamilie an.
Die Frau des Arztes war Anna Göldin nicht wohlgesonnen, zu verschieden waren die beiden Frauen. Anna war unabhängig, gesund, kräftig und eine stattliche Erscheinung, derer sie sich wohl bewusst war.
Frau „Tschudi“, so der Name der sozial weit höher stehenden Familie, kränkelte ständig. Als Sechzehnjährige war sie zum ersten Mal schwanger geworden. Von da an wechselten sich unablässig Schwangerschaften und Geburten ab – zehn Kinder hatte die Arztgattin geboren, von denen fünf überlebten.

Anna ist bereits über ein Jahr bei den Tschudis, als ein banaler Streit der Kinder zum Auslöser für die weiteren tragischen Vorfälle wird, deretwegen die Göldin der Hexerei beschuldigt wird: Eines der Kinder, Anna Migeli, findet eine Stecknadel in ihrer Frühstücksmilch. Was zuerst nicht ernst genommen wird, wiederholt sich immer wieder. Im Oktober 1781 wird Anna Göldin des Hauses verwiesen, wogegen sie sich wehrt. Doch all ihre Versuche, Gerechtigtkeit von den obersten Stellen zu erfahren, scheitern.

Das Wort einer einfachen Magd steht gegen das einer angesehenen Familie. Anna Migeli hat weiterhin Anfälle, Zuckungen, und sie „spuckt Nadeln“. In Windeseile verbreitet sich das Gerücht, dass die Magd für diese eigenartigen Vorfälle verantwortlich sei, zumal bekannt wird, dass Anna Göldin bereits früher wegen Kindsmord angeklagt worden ist: Ihr Neugeborenes war unter der Bettdecke erstickt. Im Prozess gegen einen bornierten, frauenverachtenden Justizapparat hatte die alleinstehende Frau keine Chance. Zumal sich die Angelegenheit zu einer machtpolitischen Auseinandersetzung der ansässigen Provinzgroßbürger auswuchs. Anna Göldin wird im Juni 1782 durch das Schwert hingerichtet.

Der Roman „Anna Göldin – Letzte Hexe“ der Historikerin Eveline Hasler zählt nach über zwanzig Jahren noch immer zu den berührendsten und spannendsten Büchern zum Thema Hexenverfolgung. Er schildert nicht nur die Chronik des letzten Hexenprozesses in der Schweiz, sondern gibt darüber hinaus ein aufschlussreiches Bild der damaligen Zeit, der Gesellschaft und der Stellung der Frau. Der Hexenprozess gegen die Dienstmagd Anna Göldin, einer schönen und eigenwilligen Frau, fand eine große Öffentlichkeit und steht wohl stellvertretend für viele ähnliche Schicksale über die Schweizer Grenzen hinaus.
Eveline Hasler gelingt es anhand von Zitaten aus Gerichtsakten und zeitgenössischen Dokumenten sowie mit der altertümlichen Sprache, in der sie den Roman verfasst hat, die Atmosphäre der damalige Zeit vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. Sie zeigt auf, dass unter dem Deckmantel des Rechts jegliches Recht missachtet wird. In Zusammenhang mit dem Prozess wurde zum ersten Mal auch der Begiff „Justizmord“ verwendet.
Das Buch vermittelt viel mehr als nur die bewegende Geschichte einer „modernen“ Frau des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Das Grundthema kann auf andere Epochen bis in die Jetztzeit übertragen werden: Innere Unabhängigkeit von geläufigen Meinungen, Anderssein und Außenseitertum stoßen heute noch auf mangelnde Akzeptanz und werden auf verschiedene Weise bestraft. Frauenverachtung und bürgerliche Selbstherrlichkeit sind auch heute noch anzutreffen.

Mich hat der Roman teilweise tief betroffen gemacht und verstört! Aber ich fand ihn sehr lesenswert.

Buchbesprechung: Rachel Joyce: Das Jahr das zwei Sekunden brauchte (S.Fischer)

Bedingt durch ein Schaltjahr und andere Momente, war es 1972 nötig, dem Jahr zwei Sekunden hinzuzufügen. Sekunden, die in der kleinen Siedlung in England, in der nach klaren Abläufen und Regeln lebenden Familie von Vater Seymour (unter der Woche in London arbeitend), Mutter Diana, dem 11 jährigen Sohn Byron und dessen kleiner Schwester aber doch die Welt verändert haben.
Alles hat seinen Platz, seinen Ort und seine Zeit. Alles ist geplant.
Der größte Triumph des Vaters ist es, seiner Frau einen „Jaguar“ geschenkt zu haben. Vor allem, damit ihn die „anderen alle“ sehen und bewundern. Um diesen drehen sich auch die meisten Gespräche bei den täglichen „Kontrollanrufen“ Seymours. Verhältnisse, in denen allseits nichts Unkontrolliertes erwünscht ist, selbst das Spielen der Kinder sorgt für Unmut und heftige moralische Reaktionen.
Byron kann diese zwei Sekunden nicht so recht fassen. Seine Fantasie läuft ein um das andere Mal davon und just in dem Augenblick, in dem er meint, zu sehen, wie der Sekundenzeiger seiner Uhr sich rückwärts bewegt, passiert etwas. Glaubt Byron zumindest. Und glaubt seine Mutter dann irgendwann auch. Mit dramatischen, mit schrecklichen Folgen.
 
Eine Geschichte zunächst, in der Joyce sehr intensiv und dicht die unglaubliche Enge des Lebens in dieser gesellschaftlichen Schicht im England von 1972 darstellt. In welcher der Leser fast physisch Widerwillen gegen den oberflächlichen, egomanischen Vater aufbaut, die Entwicklung der Mutter mit Sorge verfolgt und ahnt dass bei ihr etwas in der Vergangenheit war, was niemand wissen darf! Man ahnt bereits, dass da Schlimmes passieren wird. Auch die enge Freundschaft zwischen James und Byron (aus dessen Perspektive heraus Joyce diesen Teil der Handlung erzählt), kann die zunehmende Verzweiflung Byrons nicht auffangen.
 Denn, ist er nicht schuld? Weil er kein Geheimnis für sich behalten konnte? Weil er drängte und drängte gegen alle Versuche anderer, dieses Thema einfach auch zu lassen? Bringt er dadurch nicht erst die ganze Katastrophe ins Rollen??
Was wird mit der Familie in dem Haus in "der Siedlung" nachdem die zwei Sekunden Zugabe vermeintlich so dramatische Folgen hatte?

Parallel dazu beginnt ein anderer Erzählstrang- 40 Jahre später, in der Gegenwart.
Die Geschichte von Jim. Er hat Lücken im Gedächtnis, eine psychiatrische Heimvergangenheit. Er kann ohne seine täglichen ausufernden Rituale noch nicht einmal die Tische im Cafe sauber zu wischen (was seine Arbeit ist). Was aber haben dieser Jim und diese Ereignisse der damaligen Zeit überhaupt miteinander zu schaffen? Was hat es mit den „21 Durchgängen“ von Ritualen auf sich, mit der Leidenschaft des Pflanzens bei Jim?

Joyce entwickelt ihre beiden Geschichten in aller Ruhe und geht den Dingen, vor allem aber den Menschen, auf den Grund. Sie schafft das mit einzelnen Szenen, die berühren und mit Menschen, die keine besonderen Leistungen hervorbringen und trotzdem sich das Wichtigste bewahren, was Liebe und Freundschaft ist. Auf ihre ganz eigene Weise.
Ich war vor allem von Byrons Weg, seinem kindlichen Charakter und seiner Gedankenwelt absolut gefesselt. Sehr berührend fand ich die Tatsache, dass der 11-jährige Junge alles tut, um seine fragile und unglückliche Mutter vor Unheil zu bewahren und sich dabei mit kindlicher Naivität in verschiedene Ängste verläuft. Es ist sehr beeindruckend, wie lebensnah sich die Autorin in Byron hineinversetzen konnte aber noch interessanter, fand ich Dianas Persönlichkeit, die unglaublich authentisch beschrieben wurde. Äußerlich perfekt, merkt der Leser schnell, dass hinter der schönen Fassade, eine leidende Seele schlummert. Diana täuscht die perfekte Idylle vor obwohl sie scheinbar sehr einsam ist.

 Mich haben so manche Szenen sehr bedrückt, die Spießigkeit dieser Zeit und der Gesellschaft und man ahnt die Dramen die sich am Horizont zusammenbrauen, auch wenn man das gerne verhindern würde. Man ahnt dass die Mutter nur verlieren kann in ihrem Bemühen dem allen zu genügen. Und auch dass Bryan daran zerbrechen wird.

Joyce schreibt sprachlich wunderbar und mit einer ganz eigenen Geschwindigkeit des Erzählens, die den an Tempo gewohnten Leser in guter Weise zur Ruhe kommen lassen bei der Lektüre.

Ein hervorragender Roman, den ich nur empfehlen kann.